Der Fremde am Flussufer
Der Ruf des Muezzins aus dem Nachbardorf war längst verklungen, als Aditi die Augen öffnete. Noch bevor der Hahn krähte, noch bevor ihre Mutter mit dem Klirren der Kochtöpfe den Tag einläutete, lag sie still auf ihrer Matte und lauschte dem Atem des erwachenden Hauses. Durch die Ritzen der Bambuswand fiel ein graues, mildes Licht, das ihr verriet, dass der Nebel wieder einmal das Dorf verschluckt hatte. Sie mochte diese Stunde. Es war die einzige Zeit des Tages, die ihr ganz allein gehörte, bevor die Stimmen der anderen ihre Gedanken beanspruchten.
Sie erhob sich leise, wickelte ihr Tuch um die Schultern und griff nach dem irdenen Krug, der neben der Tür bereitstand. Ihre Füße kannten den Weg zum Fluss auch im Halbschlaf, jeden Stein, jede Wurzel, die aus dem festgetretenen Pfad ragte. Draußen empfing sie eine Kühle, die nach nasser Erde und feuchtem Reisstroh roch, und der Nebel hing so dicht über den Feldern, dass die Palmen am Horizont nur als verschwommene Schatten zu erahnen waren. Es war, als hätte die Nacht sich geweigert, ganz zu weichen, als klammere sie sich an die letzten Minuten der Dunkelheit, bevor die Sonne ihr Recht einforderte.
Aditi ging langsam, ließ die Zehen…
