Die letzten Reserven
Um Viertel nach elf war das Coworking-Büro fast leer. Nur noch der Summton der Neonröhren füllte den Raum, dazu das leise Rauschen der Klimaanlage, die gegen die Wärme der Serverschränke ankämpfte. Lena Vogt saß zusammengesunken vor ihrem Laptop, die Füße auf dem Schreibtischbein verschränkt, den dritten Kaffee des Abends längst kalt geworden neben der Tastatur. Auf dem Bildschirm leuchtete eine Tabelle, deren Zahlen sich seit Stunden nicht mehr veränderten, egal wie oft sie die Formeln neu berechnete, egal wie oft sie hoffte, sich verrechnet zu haben.
Sechs Wochen. So viel Zeit blieb noch, bis das Konto von Bookcraft auf null stand.
Sie klickte sich durch die Reiter der Datei — Personalkosten, Serverausgaben, Marketingbudget, das längst zusammengestrichen war auf beinahe nichts. Jede Spalte erzählte dieselbe Geschichte: Sie gaben mehr aus, als sie einnahmen, und die Kurve der Nutzerzahlen, die im letzten Jahr noch steil nach oben gezeigt hatte, flachte spürbar ab. Der Markt hatte sich verändert. Investoren, die vor zwei Jahren noch bereitwillig Schecks unterschrieben hatten, wurden vorsichtiger, prüften genauer, verlangten Kennzahlen, die ein Startup wie ihres in dieser Phase…
