Der Brief im Schuhkarton
Der Duft von Vanille und geschmolzener Butter zog durch die kleine Küche, noch bevor Lena überhaupt die Augen geöffnet hatte. Sie lag einen Moment lang still im Bett, lauschte dem vertrauten Klappern von Töpfen und dem leisen Summen eines Liedes, das ihre Mutter schon summte, seit Lena denken konnte. Achtzehn. Das Wort fühlte sich merkwürdig fremd an, als sie es in Gedanken aussprach, als gehöre die Zahl zu jemand anderem, nicht zu dem Mädchen, das gerade verschlafen in die Kissen blinzelte.
Sie zog sich einen alten Pullover über, tapste die knarrende Treppe hinunter und blieb im Türrahmen der Küche stehen. Sabine stand am Herd, die Ärmel hochgekrempelt, eine Strähne aus dem Zopf gelöst und ihr ins Gesicht gefallen. Auf dem Tisch türmten sich bereits Teller, eine Kanne Kaffee und in der Mitte, mit achtzehn kleinen Kerzen bestückt, ein Kuchen, dessen Zuckerguss leicht schief geraten war.
„Alles Gute, meine Große", sagte Sabine, drehte sich um und breitete die Arme aus. Ihre Stimme klang warm, fast überschwänglich, doch als Lena näher trat und die Umarmung erwiderte, spürte sie etwas Zögerliches in der Geste, ein winziges Zittern, das sie sich im ersten Moment nicht erklären…
