Wenn die Uhr schlägt
Der Nachmittag roch nach Kartoffelsuppe und feuchtem Herbstlaub, das jemand vergessen hatte, von den Fensterbänken zu wischen. Falkenhorst lag, wie immer um diese Stunde, in einem trägen goldenen Licht, das durch die hohen Flurfenster fiel und lange Schatten über den Dielenboden warf. Svenja saß auf der untersten Treppenstufe und band sich die Schnürsenkel neu, obwohl sie schon fest genug saßen. Es war eine Gewohnheit geworden, hier zu sitzen, wenn die anderen Kinder tobten und lärmten – von hier aus sah man den ganzen Flur, beide Ausgänge, die Tür zum Speisesaal und die schwere Standuhr, die neben der Garderobe stand wie ein stiller Wächter.
Die Uhr war älter als das Haus selbst, hieß es. Ihr Pendel schwang gleichmäßig, ein Ticken, das so tief und schwer klang, dass man es eher im Brustkorb spürte als in den Ohren. Niemand hatte sie je reparieren lassen, obwohl der Zeiger manchmal stockte und für eine Schrecksekunde stehenblieb, ehe er ruckartig weitersprang. Svenja mochte dieses Geräusch nicht. Es erinnerte sie an ein Herz, das zu unregelmäßig schlug.
„Svenja!" Antons Stimme kam von oben, hell und dringlich, wie immer, wenn er sie brauchte. Er stand am Treppengeländer, sieben…




