Der Fremde am Bergsee
Der Hahn krähte, noch bevor der Himmel über Steinbach seine erste graue Ahnung von Licht zeigte. Mia lag wach, hatte die Decke schon längst zur Seite geschoben, und lauschte dem vertrauten Knarren des alten Hauses, das sich im Wind bewegte wie ein müder Riese, der sich nach einer langen Nacht streckte. Durch die Ritzen der Fensterläden drang kalte Luft, roch nach nassem Laub und dem nahen Fluss, der das Dorf in zwei ungleiche Hälften teilte.
Sie stand auf, ohne ein Geräusch zu machen, denn ihre Mutter schlief noch, und der Schlaf war das Einzige, was diese erschöpfte Frau sich noch leisten konnte. Mia zog ihr Kleid über, das an den Ärmeln bereits ausgefranst war, band sich ein Tuch um die Schultern und griff nach dem Korb, in dem der Käse lag, den sie am Vorabend mit ihrer Mutter in mühsamer Handarbeit gepresst hatten. Daneben ruhten drei Laib Brot, deren Kruste noch den Duft von Asche und Roggen trug.
Die Gassen von Steinbach lagen um diese Stunde verlassen und still, nur hier und da huschte eine Katze über das Kopfsteinpflaster, oder ein Fensterladen klapperte im Morgenwind. Mia kannte jeden Stein, jede Unebenheit dieses Weges, den sie schon seit ihrem zehnten Lebensjahr ging.…
