Der Riss im Licht
Das Licht kam an diesem Morgen wie immer durch die Lücke zwischen den Vorhängen, ein schmaler goldener Streifen, der über die Bettdecke wanderte und schließlich auf Max' Schulter liegen blieb. Anna beobachtete ihn eine Weile, bevor sie sich rührte. Sie kannte dieses Ritual seit drei Jahren: das Erwachen vor ihm, das leise Studieren seines Gesichts, als müsste sie sich jeden Morgen neu davon überzeugen, dass er wirklich da war, dass ihr Leben tatsächlich so gewöhnlich und gleichzeitig so kostbar geworden war.
Max schlief mit halb geöffnetem Mund, die Haare zerzaust, eine Hand unter dem Kissen vergraben. Draußen vor dem Fenster begann die Kleinstadt zu erwachen – das ferne Rattern des ersten Linienbusses, das Klappern der Fensterläden beim Bäcker gegenüber, ein Hund, der irgendwo zweimal kurz bellte und dann wieder verstummte. Anna liebte diese Geräusche. Sie erinnerten sie daran, dass die Welt draußen weiterlief, während hier, in diesem Zimmer, die Zeit sich anders anfühlte, dehnbarer, wärmer.
Sie stützte sich auf den Ellbogen und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Max murmelte etwas Unverständliches, dann öffnete er die Augen, blinzelte gegen das Licht und lächelte, noch…
