Der erste Blick
Das Fachwerkhaus thronte am Dorfrand von Zeulenroda wie eine wiedergeborene Erinnerung, die Balken frisch lackiert, der Lehmputz in warmem Ocker gestrichen. Lena stand vor dem schweren Eichentor und zögerte, obwohl sie wusste, dass es kein Zurück mehr gab. Susanne hatte sie bis zur Haustür begleitet und würde es ihr nie verzeihen, wenn sie jetzt kehrtmachte.
„Du kannst nicht ewig nur zwischen deinen vier Wänden und dem Büro pendeln", hatte ihre Kollegin gesagt, während sie Lena beinahe handgreiflich in den Mantel geholfen hatte. „Es ist nur eine Feier, Lena. Niemand verlangt, dass du tanzt."
Jetzt, mit einem Glas lauwarmem Sekt in der Hand, bereute sie, überhaupt zugesagt zu haben. Der Innenhof war voller Menschen, die sich alle irgendwie zu kennen schienen – ein Geflecht aus Nachbarschaft, Vereinsleben und jahrzehntealten Bekanntschaften, in das sie keinen Faden hineinzuweben wusste. Stimmen schwappten über den gepflasterten Hof, durchsetzt von Gelächter und dem Klirren von Gläsern. Irgendwo spielte eine Kapelle gedämpfte Blasmusik, die sich mit dem Duft von gegrilltem Fleisch und frisch gemähtem Gras vermischte.
Lena zog sich instinktiv an den Rand der Gesellschaft zurück,…
