Der Riss im Papier
Der Dachboden riecht nach vergangenen Sommern, nach Holz, das zu viele Winter überstanden hat, und nach jenem eigentümlichen Staub, der sich nur an Orten sammelt, die niemand mehr betritt. Lina schiebt eine morsche Bretterluke zur Seite, und ein Lichtstrahl fällt schräg durch das kleine Fenster unter dem Giebel, tanzt mit tausend schwebenden Partikeln, die aufgewirbelt worden sind wie Geister, die man aus ihrem Schlaf gerissen hat.
„Vorsichtig", murmelt Finn hinter ihr und duckt sich unter einen Balken, der so niedrig hängt, dass er beinahe seine Stirn streift. „Dein Großvater hat hier oben offenbar seit Jahrzehnten nichts mehr angerührt."
„Seit meine Großmutter gestorben ist, hat er den Dachboden gemieden", erwidert Lina leise. Ihre Finger gleiten über eine verstaubte Kommode, hinterlassen einen dunklen Streifen im grauen Belag. „Mama hat gesagt, er konnte es nicht ertragen, ihre Sachen anzufassen."
Sie bleibt einen Moment stehen, den Blick auf die Spur gerichtet, die ihre Hand gezogen hat, als könnte sie darin etwas von der Vergangenheit lesen, die sie nie kennengelernt hat. Ihr Großvater ist vor drei Wochen gestorben, still, im Schlaf, wie es sich die meisten Menschen…

