Die Innenstadt als Leichenschauhaus
Sechs Uhr zwanzig, und der Marktplatz liegt da wie eine Leiche, der man noch nicht die Augen zugedrückt hat. Ich stehe an der Ecke, wo früher die Bäckerei war, jetzt nur noch ein Schaufenster mit Kalkflecken und einem vergessenen Werbeplakat für Ostereier, obwohl längst Advent ist, und denke: Das hier ist keine Stadt mehr, das ist ein Wartezimmer, in dem der Arzt nie kommt, weil er selbst schon vor Jahren gestorben ist.
Das Kopfsteinpflaster unter meinen Schuhen fühlt sich an wie freigelegte Rippen. Jeder Schritt ein kleines Knacken, als würde ich über den Brustkorb von jemandem laufen, der sich nicht mehr wehren kann. Man hat diese Steine liebevoll saniert, vor Jahren, mit Fördergeldern und Lokalzeitungsjubel, "Historische Altstadt erstrahlt in neuem Glanz", hieß es damals. Erstrahlt. Als hätte man hier eine Discokugel installiert und nicht bloß ein paar Pflastersteine neu verlegt, zwischen denen jetzt Unkraut wächst wie Haare aus den Ohren eines alten Mannes, den keiner mehr rasiert.
Ich zähle die Fassaden, wie man Schafe zählt, wenn man nicht einschlafen kann. Nur schläft hier keiner ein – die Stadt liegt längst im Koma, und ich bin der Idiot, der jeden Morgen vorbeikommt und…
