Die erste Zeile
Die Küche liegt im Halbdunkel, nur die kleine Lampe über dem Herd wirft ihr mattes Licht auf den Tisch, an dem ich sitze. Draußen schläft die Stadt nicht wirklich – irgendwo bellt ein Hund, ein Auto rauscht vorbei, dessen Scheinwerfer für einen Sekundenbruchteil über die Decke gleiten wie ein Geist, der keine Ruhe findet. Ich habe die Tür zum Schlafzimmer angelehnt gelassen, damit ich höre, falls Max aufwacht. Sein Atem geht dort drüben ruhig und schwer, ein Rhythmus, den ich in den letzten Jahren auswendig gelernt habe wie ein Gebet, das ich nicht mehr verstehe, aber trotzdem murmle, weil ich es immer schon getan habe.
Vor mir liegt ein Blatt Papier. Weiß, unschuldig, fast frech in seiner Leere. Der Kugelschreiber in meiner Hand zittert leicht, nicht vor Kälte – die Heizung läuft, sie läuft immer, seit er fröstelt, selbst im Sommer –, sondern vor etwas anderem, das ich nicht benennen will. Angst vielleicht. Oder die Erschöpfung, endlich einmal die Wahrheit aufzuschreiben, anstatt sie in mir zu vergraben wie eine Leiche, die niemand finden soll.
*Lieber Max.*
Zwei Worte. Ich starre sie an, als hätte ich einen Fremden angesprochen. Lieber – ist er das noch, oder ist das Wort nur…



