Der Riss im Glas
Der Schlüssel klemmte wieder im Schloss. Laura rüttelte, wie sie es seit Monaten tat, ohne mehr darüber nachzudenken, und spürte dabei, wie ihre Schultern schon vor dem Öffnen der Tür nach unten sanken. Es war ein kleines, unbedeutendes Detail – ein Schloss, das man längst hätte austauschen können –, und doch fühlte es sich in diesem Moment wie ein Sinnbild an für so vieles in ihrem Leben: Dinge, die klemmten, die man einfach hinnahm, weil der Widerstand leichter erschien als die Veränderung.
Die Wohnung empfing sie mit dem vertrauten Geruch nach Daniels Abendessen, irgendetwas mit Knoblauch und Rosmarin, und mit dem gedämpften Flackern des Fernsehers, der im Wohnzimmer vor sich hin lief, ohne dass jemand wirklich hinsah. Sie stellte ihre Tasche neben der Garderobe ab, zog die Schuhe aus und blieb einen Moment im Flur stehen, als müsste sie sich innerlich wappnen, bevor sie weiterging. Früher war sie durch diese Tür gestürmt, hatte ihre Jacke achtlos über den Stuhl geworfen und laut gerufen: "Schatz, ich bin da!" Jetzt bewegte sie sich leise, fast wie eine Fremde im eigenen Zuhause.
"Du bist spät", sagte Daniel, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Keine Frage, keine…
