Der Fund
Der Geruch war das Erste, was Frau Kowalski auffiel, noch bevor sie den Schlüssel im Schloss umdrehte. Ein süßlicher, schwerer Hauch, der sich unter der Wohnungstür hindurchgeschlichen hatte und sich im Treppenhaus mit dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Nachbarwohnung vermischte. Sie hatte diesen Geruch noch nie zuvor wahrgenommen, doch etwas in ihr wusste sofort, dass er nichts Gutes bedeutete.
Seit vier Tagen hatte sie nichts von Lena gehört. Vier Tage, in denen die Zeitungen unbeachtet vor der Tür liegen geblieben waren, in denen das Licht im Flur der jungen Frau von unten durch den Türspalt schien, obwohl es draußen längst hell war. Anfangs hatte sich Frau Kowalski nichts dabei gedacht. Lena war oft verreist, ihre Arbeit als freiberufliche Grafikdesignerin brachte sie manchmal für Tage nach Berlin oder Hamburg. Aber die Zeitungen, die sich stapelten, und diese Stille – eine Stille, die anders klang als sonst, dichter irgendwie – hatten sie schließlich dazu bewogen, den Hausmeister zu bitten, ihr die Wohnung aufzuschließen.
„Sind Sie sicher, dass wir das machen sollten?", fragte Herr Brandt, während er mit dem Generalschlüssel hantierte. Seine Finger zitterten…
