Der Moment, in dem die Welt stillsteht
Die Sonne klettert gerade über das Dach der Turnhalle, als Lena durch das Schultor schlendert, ihr Skizzenbuch wie einen Schatz unter den Arm geklemmt. Das Leder des Einbands ist an den Ecken schon abgewetzt, die Seiten gewellt von unzähligen Kritzeleien, die niemand außer ihr je zu Gesicht bekommt. Der Schulhof brodelt vor Leben: Irgendwo quietscht ein Fahrradreifen über den Asphalt, ein Rudel Erstklässler jagt kreischend einem Ball hinterher, und aus den offenen Fenstern des Musikraums dringt das schiefe Klimpern einer Klaviertonleiter. Lena atmet den Duft von frisch gemähtem Gras und Pausenbrot-Schokoaufstrich ein und lächelt, ohne es zu merken.
Sie bleibt kurz stehen, den Blick auf die alte Kastanie gerichtet, die mitten auf dem Hof steht wie eine stille Wächterin. Das Licht fällt in goldenen Streifen durch ihre Blätter, zeichnet flirrende Muster auf den Boden, und für einen Herzschlag lang sieht Lena nicht mehr den Schulhof, sondern eine ganz andere Welt: einen verwunschenen Wald, in dem Lichtwesen zwischen den Zweigen tanzen. Ihre Finger jucken danach, das Bild festzuhalten, doch bevor sie ihr Buch aufschlagen kann, hakt sich ein Arm bei ihr ein.
„Du träumst schon wieder",…
