Die Stille nach dem Wort
Der Hausflur riecht nach kaltem Zigarettenrauch und nassem Stein, und ich stehe vor unserer Wohnungstür, den Schlüssel schon in der Hand, aber ich stecke ihn nicht ins Schloss. Drinnen ist Henrys Stimme zu hören, nicht die Worte selbst, nur der Klang, dieses scharfe, gepresste Timbre, das ich inzwischen auswendig kenne wie eine Melodie, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ich lausche einen Moment, wie man an einer Wunde horcht, ob sie noch wehtut, obwohl man längst weiß, dass sie es tut.
Meine Tasche drückt gegen meine Schulter, der Riemen hat sich den ganzen Tag über in die Haut gegraben, und ich spüre jetzt erst, wie müde ich bin. Acht Stunden Büro, dazwischen die Anrufe der Kita, die Frage, ob Emilian heute wieder nicht essen wollte, der Blick der Kollegin, die mich fragt, wie ich das alles schaffe, mit diesem Unterton, der eigentlich sagen will: Wie schaffst du das alles so schlecht. Ich presse die Lippen zusammen und übe, was ich seit Monaten übe, ein Lächeln, das keine Wurzeln mehr hat, das nur noch auf der Oberfläche meines Gesichts schwimmt wie Öl auf Wasser.
Ich erinnere mich an die ersten Abende mit Henry, vor fünf Jahren, als sein Schlüssel im Schloss noch wie…
