Der Riss im Glas
Die Kerzen stehen schon seit einer Stunde da, zwei schlanke weiße Säulen, die ich extra in dem kleinen Laden um die Ecke gekauft habe, weil Henry einmal sagte, er möge den Geruch von Bienenwachs lieber als diese chemischen Duftkerzen aus dem Supermarkt. Ich habe mir diesen Satz gemerkt, so wie ich mir so viele seiner beiläufigen Bemerkungen merke, als wären sie kleine Schätze, die ich sammle, um ihm eines Tages zu beweisen, wie genau ich hinhöre. Jetzt tropft das Wachs in dünnen Fäden auf das weiße Tischtuch, und ich beobachte, wie sich die Flecken ausbreiten wie kleine Inseln auf einem Meer aus Stoff.
Auf dem Herd köchelt das Risotto vor sich hin, längst zu einer zähen Masse verkommen, die nichts mehr mit dem cremigen Gericht gemein hat, das ich vor zwei Stunden mit solcher Hingabe gerührt habe. Ich habe extra den Parmesan gerieben, den teuren, den es nur in diesem kleinen italienischen Feinkostladen gibt, zu dem ich fünfundzwanzig Minuten mit der Bahn fahren musste. Für Henry. Für seinen Geburtstag, der eigentlich ein Fest hätte werden sollen, ein Abend nur für uns beide, mit Kerzenschein und Wein und seinem Lieblingsgericht.
Mein Handy liegt neben dem Teller, das Display…

