Der brüchige Frieden
Das Licht zerriss sie zuerst.
Elyara sah es jede Nacht auf dieselbe Weise: zwei Gestalten, die sich in einem Raum ohne Wände und ohne Boden umarmten, die eine aus geschmolzenem Gold gewoben, die andere aus Rauch und Mitternacht. Ihre Umrisse verschwammen ineinander, als gehörten sie seit Anbeginn der Zeit zusammen, als wäre die Trennung zwischen ihnen nur ein Irrtum der Welt gewesen, den die beiden nun endlich zu korrigieren suchten. Dann kam die dritte Präsenz. Sie hatte kein Gesicht, keine Gestalt, die sich benennen ließ – nur einen Sog, eine Hungrigkeit, die sich wie kalte Finger in den Spalt zwischen den beiden Wesen bohrte und sie auseinanderriss, so mühelos, wie man ein Blatt Papier zerreißt. Der Schrei, der darauf folgte, gehörte nicht nur den beiden Gestalten. Er gehörte auch ihr.
Elyara fuhr hoch, das Laken klebte schweißnass an ihrer Haut, und für einen Herzschlag wusste sie nicht, wo sie war. Die Deckenmalerei über ihr, tanzende Lichtwesen in Gold und Weiß, half ihr, sich zu erinnern: Turmzimmer, Lichtpalast, zu Hause. Ihr Atem ging stoßweise. Draußen dämmerte es kaum, ein blasser Silberstreifen kroch über den Horizont, und die Kerze auf ihrem Nachttisch war längst…




